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Mangos, Mut und Menschenrechte

Pater Shay Cullen kämpft unerschrocken für soziale Gerechtigkeit und für die Rechte von Kindern. Sein Besuch in Kirchheim am Mittwoch, 28. September, hinterließ beeindruckte Gastgeber.

Eingeladen hatte den gebürtigen Iren, der als Missionar auf den Philippinen arbeitet, unser EineWeltVerein. Wir hatten im vergangenen Jahr, in dem Kirchheim sein Stadtjubiläum feierte, Geld für die philippinische Kinderhilfsorganisation Preda gesammelt, deren Mitbegründer und Direktor Pater Cullen ist. Seinen Dank stattete der Gast von den Philippinen jetzt bei einem Besuch in unsrem Weltladen persönlich ab.

Der große, schlanke Missionar mit den grauen Haaren spricht Englisch mit dem melodiösen Akzent der Iren aus Dublin. Er hat wie viele seiner Landsleute die Gabe, angesichts schreienden Unrechts nicht in zynische, ohnmächtige Hilflosigkeit zu verfallen, sondern diese Zustände mit einer Mischung aus Gelassenheit, Mut und Optimismus zum Besseren zu wenden.

Pater Shay CullenNach Kirchheim brachte Pater Cullen eine ganze Reihe von Fotos und Berichten mit, die die traurige Realität in den philippinischen Elendsvierteln, Bordellen und Sexbars zeigen - drastische Zeugnisse einer Welt voller Schmutz, Korruption, Gewalt und Unmenschlichkeit. Angesichts dessen erscheint der Einsatz von Pater Cullen und seinen Mitstreitern fast zu schön, um wahr zu sein. Wer am Mittwoch bei uns im Weltladen dabei war, konnte sich jedoch mit eigenen Augen überzeugen, wie der Mut, die Standhaftigkeit und die Beharrlichkeit einiger weniger solche Verhältnisse ändern und verbessern können.

Pater Cullen zeigte zum Beispiel ein Foto. Ein magerer, verzagter kleiner Junge blickt darauf in die Kamera, der Blick stumpf, die dünnen Arme übersät mit Infektionen, bekleidet nur mit einer kurzen Hose, die ihm viel zu groß ist und mit einem Strick zusammengehalten wird. „Diese Hose war das einzige, was er besaß“, schilderte der Pater. „Dieses Bild zeige ich manchmal jungen Menschen hier im Westen, die klagen, dass sie nicht genug anzuziehen hätten.“ Und dann noch ein Foto – derselbe Junge, nachdem ihn die Helfer von Preda von der Straße gerettet und sich seiner angenommen hatten: die Augen klar, ruhig und fröhlich, das Gesicht von gesunder Farbe und entspannt, gut genährt, sauber und ordentlich angezogen.

Dazu Bilder von jungen Frauen, eigentlich eher kleinen Mädchen, die Preda aus Kinderbordellen und Sexbars befreit und ihnen ein friedliches, beschütztes Zuhause gegeben hat, in dem sie frei von Bedrohung und Misshandlungen aufwachsen können.

Der Ausweg von Preda aus Armut und Abhängigkeit heißt Fairer Handel mit Mangos. Diese Früchte, in deutschen Geschäften als Luxusobst gehandelt, wachsen auf den Philippinen in einer ähnlichen Fülle wie unsere heimischen Äpfel. Preda nimmt den philippinischen Kleinbauern ihre Mangos zu einem Preis ab, der deutlich über dem Weltmarktniveau liegt, zahlt Zuschläge beispielsweise für eine Krankenversicherung oder für Kampagnen zum Schutz der Umwelt.

Überschüssige Gewinne fließen in Projekte, die soziale Gerechtigkeit fördern. Sie helfen beim Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel, retten Frauen aus der Prostitution oder Kinder aus Gefängnissen, in denen unmenschliche Zustände herrschen und in denen sie für kleine Vergehen wie Mundraub oder Bettelei sitzen.

Im Kampf gegen diese Missstände hat Preda eine wirkungsvolle Waffe: Man macht Fotos dieser Zustände öffentlich oder droht den Behörden zumindest damit. Unhaltbare Zustände änderten sich danach im Regelfall schnell, berichtete Pater Cullen bei uns im Weltladen.

Einem Teil der deutschen Fernsehzuschauer ist der wirkungsvolle Weg von Pater Cullen und seinen Mitstreitern bei Preda seit Jahren bekannt, obwohl viele es gar nicht wissen. 1998 flossen seine Erfahrungen in das Drehbuch von „Manila“ ein, einer Folge der Krimiserie „Tatort“, in der die beiden Kölner Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk alias Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär in einem Fall von Sextourismus und Misshandlung philippinischer Straßenkinder ermittelten.

Sein mutiger und erfolgreicher Einsatz für soziale Gerechtigkeit und vor allem für die Rechte von Kindern brachte dem Pater aus Irland viele Auszeichnungen ein – und in den Jahren 2001 und 2003 zwei Nominierungen für den Friedensnobelpreis. Den Menschenrechtspreis von Weimar bekam er 2000, den der italienischen Stadt Ferrara im Jahr darauf. Als die schweizerische Caritas 2003 ihren Preis für Menschlichkeit schuf, hieß der erste Preisträger Pater Shay Cullen.

Der Besucher von den Philippinen weiß seit dieser Woche, wie Kirchheim von oben aussieht. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker empfing den Gast aus Südostasien, führte ihn auf den Turm des Rathauses und ließ ihn in luftiger Höhe einen Blick auf die Teckstadt werfen, bevor sie ihm im Ratssaal die Porträts von adligen Stadtherren vergangener Jahrhunderte zeigte: „Alles keine Demokraten, aber bedeutsam für die Stadtgeschichte.“

Und er kennt jetzt auch Begriffe wie „Maultaschen“ und „Kässpätzle“ – wir haben unseren Gast aus Irland zum Abschluss seines Besuchs zum Mittagessen in einem urigen Biergarten eingeladen. Die Kässpätzle probierte er selbst, die Maultaschen schaute er sich mit Interesse an – Pater Cullen isst kein Fleisch.

(erschien in gekürzter Form in Der Teckbote, Ausgabe vom 30.09.2011)

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